Die neue ESC-Leitlinie zur Herzinsuffizienz bringt mehrere konzeptionelle Änderungen für Diagnostik, Einteilung und Therapie. Prävention und Früherkennung rücken stärker in den Mittelpunkt, gleichzeitig wird die Herzinsuffizienz als kontinuierlicher Krankheitsprozess von Stage A bis D betrachtet. Im Interview werden die wichtigsten Neuerungen der Leitlinie und ihre Bedeutung für die klinische Praxis erläutert. Das neue Stufenkonzept berücksichtigt bereits Patient:innen mit Risikofaktoren oder strukturellen Veränderungen, auch wenn noch keine typischen Zeichen und Symptome einer Herzinsuffizienz vorliegen. Damit gewinnen Früherkennung und Prävention weiter an Bedeutung. Auch die Einteilung nach der linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF) wird vereinfacht. Die bisherige Kategorie HFmrEF wird in die HFrEF-Gruppe integriert. Künftig wird damit zwischen HFrEF bei einer LVEF unter 50 % und HFpEF bei einer LVEF von mindestens 50 % unterschieden. Eine weitere Änderung betrifft die Bezeichnung der akuten Herzinsuffizienz. Der Begriff „dekompensierte Herzinsuffizienz“ soll stärker die notwendige Therapieänderung beziehungsweise Rescue-Therapie in den Mittelpunkt stellen. Dies kann auch für das ambulante Management relevant sein, da eine beginnende Dekompensation nicht erst mit einer Hospitalisierung behandelt werden sollte. Auch die Therapiesystematik wurde neu strukturiert. Die Foundational Medical Therapies umfassen die grundlegenden medikamentösen Therapien, während Additional Medical Therapies je nach Phänotyp ergänzend eingesetzt werden können. Auch Device- und interventionelle Therapien werden in die neue Systematik einbezogen. Besonders für die HFpEF ergeben sich neue beziehungsweise aufgewertete Therapieoptionen. Thematisiert werden unter anderem Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonisten (MRAs) sowie Semaglutid und Tirzepatid bei HFpEF und Adipositas. Gleichzeitig wird betont, dass die konsequente Umsetzung wirksamer Therapien weiterhin eine zentrale Herausforderung in der Versorgung von Patient mit Herzinsuffizienz darstellt. Die zentrale Botschaft für Hausärzt:innen: Für Patient:innen mit Herzinsuffizienz stehen heute zahlreiche wirksame Therapien zur Verfügung. Entscheidend ist daher neben der frühzeitigen Erkennung vor allem die konsequente Umsetzung der empfohlenen Therapie – unabhängig davon, ob eine reduzierte oder erhaltene LVEF vorliegt.